You cannot discover new oceans unless you have the courage to lose sight of the shore.

Mittwoch, 18. Mai 2011

Aufwachen


Es ist früh. 6 Uhr. Mir ist kalt. Es ist leise. So leise. Ich höre Vögel zwitschern. Öffne langsam die Augen und sehe zur Seite. Ich bin alleine. Fest schließe ich die Augen. Ganz fest. Vielleicht ist alles nur ein Traum. Vielleicht sitze ich mal wieder auf dem Boden unseres kleinen indischen Palasts, höre Musik und stelle mir vor, wie es wäre, jetzt zurück zu sein. Ich strenge mich an, aber nichts geschieht. Ich öffne erneut die Augen, nur um festzustellen, dass Sarah immer noch nicht hier ist, dass ich wirklich alleine bin, dass es totenstill ist und eisigkalt; dass ich zurück bin. Zurück in Deutschland. Stille Tränen laufen über meine Wangen. 

Meine Nase sucht die verschiedenen Gerüche Indiens. Meine Ohren suchen die Stimmen der Kinder. Meine Augen suchen die Vielfalt. Meine Hände suchen Sarahs. 

Hilflos liege ich in meinem großen Bett. Starre Löcher in die Decke. Weiß nicht, was mit mir los ist, was ich tun soll. Bis plötzlich mein Handy klingelt. Eine neue Kurzmitteilung. Wir aus Indien müssen doch zusammenhalten, denke ich und lese die Nachricht eines lieben Freundes. Janik. Der olle Janik, der mich im Flugzeug aushalten musste. Es hat ihm aber Spaß gemacht, mir Angst zu machen. 

"Wir stürzen ab! Saida, wir stürzen ab!" 

Als hätte es mir etwas ausgemacht. Ich war mit meinen Gedanken ganz woanders. Zu Hause. In Indien. Die letzten Minuten des Abschieds, die Tränen der Kinder und Freunde, das letzte Gespräch mit Appa. Vorbei. Wieder muss ich weinen. Was bringt es mir? Keine Träne bringt mich zurück. Wenn Sarah doch nur hier wäre. Ich vermisse es aufzustehen, sie mit einem Frühstück zu überraschen und darauf zu warten, dass sie aufwacht und alle Krabbeltiere im Haus verscheucht. Meine Retterin. Und dann hätte ich Wäsche gewaschen. Nur um so blöd zu sein und alles zu waschen und nur noch meine kurze Hose und ein enges T - Shirt übrig zu haben – natürlich nass; das habe ich in den ganzen acht Monaten nicht lernen können: Wäsche waschen ohne selbst nass zu werden. Meine Sarah würde dann die Wäsche für mich aufhängen und sie mir bringen, wenn sie trocken ist. Dafür würde ich ihr immer den Reißverschluss ihrer Oberteile hochziehen und sie an ihren Schal erinnern. Sie würde mit den Kindern spielen, wenn es mir nicht gut ginge und ich würde mit den Nachbarn reden, wenn sie dafür zu müde wäre. Wir würden uns fragen, was wir kochen sollten und dann beim Appa am Esstisch landen. Wir würden uns streiten und uns versöhnen. Wir würden uns wundern, wie gut es mit uns klappen würde. Wir würden zugeben, dass wir anfangs Bedenken hatten, da wir sehr verschiedene Menschen sind. Sie ist sehr selbstständig, braucht fast nie Hilfe, steht auf ihren eigenen Beinen und liebt Kitschfilme. Ich bin auch selbstständig bzw. werde selbstständig nachdem man mich anfangs an der Hand genommen hat. Und ich liebe Horrorfilme. Die lieben Karl Kübel Menschen haben unsere Verbindung arrangiert und wir haben das Beste daraus gemacht. Und niemals hätten wir gedacht, dass wir uns so gern haben würden. Dass es nach dem Kennenlernen so schön werden würde. Dass wir irgendwie, auf eine sehr seltsame Weise, nicht mehr ohne einander können. Ich sage gerne, dass wir Glück hatten; Glück hatten uns in Indien kennengelernt zu haben. Uns verbindet etwas Wundervolles. Unsere Freundschaft ist indisch. Wir schlafen in einem Zimmer, wenn nicht in einem Bett. Halten zusammen. Reden über alles. Verstehen uns blind. In Deutschland würde man uns komisch ansehen. In Deutschland wäre es wohl nie so weit gekommen. In Deutschland. Wir wurden vorgewarnt von den ehemaligen Freiwilligen. Es würde schwer werden. Es würde etwas dauern, bis man richtig angekommen ist. Aber was es so schwer macht, sind die Freunde und die Familie. Menschen, die man so sehr vermisst hat, auf die man sich so sehr gefreut hat. Menschen, die sich nicht verändert zu haben scheinen. Man selbst aber war so lange weg. Hat so vieles gesehen. So vieles erlebt. Erleben müssen. Und dann ist man plötzlich zurück. Und schon zwei Tage später vergessen alle, dass man weg war. Dass es eben etwas länger braucht, bis man etwas versteht. Dass man neue Ansichten hat. Dass man anders is(s)t. Dass man etwas stiller ist. Dass man nicht so viel über Indien reden kann oder vielleicht nur über Indien reden möchte. Dass man aus einer anderen Welt kommt. 

"Aber Saadet…" 

Und, dass ich nicht mehr Saadet bin. Saida. Saida! Acht Monate bin ich Saida gewesen! Saadet klingt so fremd. Indien hat mir viel gegeben. Verständnis, Geduld, Ausdauer, Glück, einen neuen Namen. 

"Saida Madam, when you go? When you come India? Saida Madam. No Germany. India! Please, Saida. Please!"

Aber ich musste doch. Gehen. Sie enttäuschen. 

"Saida, I think, you come here. Very nice days. Very happy memories. Now you go. I think. Why you come? Madam, tell me, why you come? You come and go. Very unhappy" 

Gekommen um zu gehen. Wenn es nur so wäre. Wir sind gekommen um zurück zu gehen. Um fremde Menschen kennenzulernen und dieselben Menschen, als Familie erneut zu besuchen. 

We will come back. We don’t know when. But we know we will. 

Sarah ist noch dort. In Indien. Ein Teil von mir schwebt hier in der Luft. Der andere Teil tanzt durch Indien. Öffne dich. Freue dich. Gewöhne dich. Erinner dich. Vergiss nicht.

Gib dich nicht auf. Schließ die Augen und rufe alle Erinnerungen zurück. Sei glücklich, das alles erlebt zu haben. Sei glücklich neue Menschen als Familie bezeichnen zu können. Sei glücklich in weniger als 9 Monaten 60 Kinder bekommen zu haben. Sei glücklich zurück zu sein. Zurück bei deinen treuen Freunden. Bei deiner dich über alles liebenden Familie. Sei glücklich, nicht alleine zu sein und 11 Mädchen und 2 Jungs an deiner Seite zu haben, die genau wissen, was in dir vorgeht. Sei glücklich. So wie es Indien dir beigebracht hat. Sei glücklich mit deinem Leben. 

Genieße. Lache. Lebe. 
Saida.